Begriff

Scheinselbständigkeit: ein Wort, das im Gesetz fehlt.

Kurz gesagt

Scheinselbständigkeit ist ein Alltagsbegriff, kein Begriff des Schweizer Rechts. Gemeint ist der Fall, dass jemand nach aussen als selbständig auftritt und Rechnungen stellt, die zuständige Stelle das Entgelt aber als unselbständige Erwerbstätigkeit einstuft. Entschieden wird das im Einzelfall und je Tätigkeit von der AHV-Ausgleichskasse, und zwar nach den wirtschaftlichen Verhältnissen, nicht nach den vertraglichen Vereinbarungen (AHV-Merkblatt 2.02). Ein Werkvertrag auf Papier ändert daran nichts. Die Umqualifizierung selbst ist keine Strafe, sondern eine Nachforderung von Beiträgen; strafbar wird es, wenn sich jemand durch unwahre oder unvollständige Angaben der Beitragspflicht entzieht (AHVG Art. 87).

Stand: . Geprüft anhand der unten genannten Quellen.

Die vier Merkmale, an denen es hängt

Als sozialversicherungsrechtlich selbständigerwerbend gelten Personen, die unter eigenem Namen und auf eigene Rechnung arbeiten, in unabhängiger Stellung sind und ihr eigenes wirtschaftliches Risiko tragen. Das Merkblatt 2.02 der AHV macht daraus vier prüfbare Punkte.

  • Auftritt nach aussen mit einem Firmennamen: Eintrag im Handelsregister, Adress- und Telefonbuch, eigenes Briefpapier und Werbematerial, Rechnungen im eigenen Namen, eigene Mehrwertsteuerabrechnung.
  • Eigenes wirtschaftliches Risiko: langfristige Investitionen, eigene Betriebsmittel, das Risiko des Zahlungsausfalls, Miete für die eigenen Geschäftsräume.
  • Freie Betriebsorganisation: eigene Präsenzzeit, eigene Organisation der Arbeit, freie Wahl der Arbeiten, Weitergabe an Dritte möglich, Arbeit in der Regel ausserhalb der Wohnung des Auftraggebers.
  • Mehrere Auftraggeber: Arbeitest du für mehrere, wird das in der Regel als selbständige Erwerbstätigkeit angesehen. Arbeitest du nur für einen, wird das üblicherweise als unselbständige Erwerbstätigkeit eingestuft.
Achtung: Der letzte Punkt ist das stärkste Warnzeichen und zugleich der häufigste Auslöser. Wer als Subunternehmer neun Monate lang nur für einen Generalunternehmer arbeitet, mit dessen Material und in dessen Tagesplan, erfüllt kein einziges der vier Merkmale sauber.

Vier Behörden, vier Entscheide

Das Wort suggeriert eine einzige Frage mit einer einzigen Antwort. Tatsächlich beurteilen verschiedene Stellen dieselbe Zusammenarbeit unabhängig voneinander, und sie können zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen.

Wer entscheidetWorüberGrundlage
AHV-Ausgleichskasseob das Entgelt als selbständig oder unselbständig gilt, je TätigkeitAHV-Merkblatt 2.02
Unfallversicherungob eine Prämienpflicht des Auftraggebers besteht; obligatorisch versichert sind die in der Schweiz beschäftigten ArbeitnehmerUVG Art. 1a Abs. 1
Arbeitsgerichtob ein Einzelarbeitsvertrag vorliegt, also Arbeit im Dienst des Arbeitgebers gegen LohnOR Art. 319 Abs. 1
Steuerbehörde und ESTVwie das Einkommen besteuert wird und ob eine Mehrwertsteuerpflicht bestehtkantonales Recht und MWSTG
Der Entscheid der Ausgleichskasse bindet die anderen Stellen nicht automatisch, ist in der Praxis aber der erste Dominostein.

Woher das Wort kommt

«Scheinselbständigkeit» stammt aus dem deutschen Sprachraum und ist von dort in die Schweizer Umgangssprache gewandert. In der Schweiz gibt es diesen Rechtsbegriff nicht: Hier heisst die Frage schlicht, ob ein Entgelt als selbständige oder als unselbständige Erwerbstätigkeit gilt, und sie beantwortet die Ausgleichskasse nach dem Merkblatt 2.02. Wer im Netz Texte über Verfahren, Fristen und Bussen zur «Scheinselbständigkeit» findet, prüft zuerst, für welches Land sie geschrieben sind.

Was eine Umqualifizierung kostet, wen sie trifft, wie weit die Kasse zurückgehen kann und wie du dich als Auftraggeber absicherst, steht ausführlich unter Scheinselbständigkeit vermeiden. Wie du dich als selbständig anerkennen lässt, steht unter Als selbständig anerkannt werden.

Häufige Fragen

Ist Scheinselbständigkeit in der Schweiz strafbar?

Den Begriff selbst kennt das Schweizer Recht nicht, und die Umqualifizierung allein ist keine Straftat. Sie hat finanzielle Folgen: Die Ausgleichskasse fordert die Beiträge dort nach, wo sie den Arbeitgeber sieht. Strafbar ist dagegen, wer sich durch unwahre oder unvollständige Angaben der Beitragspflicht entzieht oder es als Arbeitgeber unterlässt, sich einer Ausgleichskasse anzuschliessen und die beitragspflichtigen Löhne abzurechnen (AHVG Art. 87).

Schützt mich ein schriftlicher Werkvertrag?

Nein. Für die Beurteilung sind die wirtschaftlichen Verhältnisse ausschlaggebend, nicht die vertraglichen Vereinbarungen (AHV-Merkblatt 2.02). Ein Vertrag, der «selbständiger Unternehmer» sagt, während im Alltag jemand nach Weisung im Team des Auftraggebers arbeitet, ändert nichts.

Kann jemand für die eine Tätigkeit selbständig und für die andere angestellt sein?

Ja. Die Ausgleichskasse beurteilt jede Tätigkeit einzeln und bezogen auf das Entgelt der jeweiligen Tätigkeit. Eine Grafikerin kann für ihre eigenen Kunden selbständig sein und gleichzeitig für einen einzigen Auftraggeber als unselbständig eingestuft werden.

Wie viele Auftraggeber brauche ich, damit es sicher ist?

Eine Zahl nennt das Merkblatt nicht. Es hält nur fest, dass mehrere Auftraggeber in der Regel für die Selbständigkeit sprechen und ein einziger üblicherweise dagegen. Entscheidend bleibt das Gesamtbild aus Auftritt, Risiko, Organisation und Kundschaft.

Quellen

Dieser Text ist eine allgemeine Information für Schweizer Unternehmen und ersetzt keine Rechts- oder Steuerberatung im Einzelfall. Wenn dir ein Fehler auffällt, schreib uns, wir korrigieren ihn.

Alles erledigt, als Illustration im Markengrün

Oder du lässt das ab jetzt KIDESK erledigen.

Offerten, Rechnungen mit QR-Einzahlungsschein und Mahnungen kommen aus KIDESK fertig formuliert und gerechnet heraus. Die ersten 14 Tage kosten nichts und du musst keine Kreditkarte hinterlegen.