Begriff

GAV: der Vertrag für die ganze Branche.

Kurz gesagt

Der Gesamtarbeitsvertrag (GAV) ist ein Vertrag zwischen Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften. Er stellt Bestimmungen über Abschluss, Inhalt und Beendigung der einzelnen Arbeitsverhältnisse einer Branche auf (OR Art. 356), typischerweise Mindestlöhne, Arbeitszeit, Zuschläge, Ferien und Kündigungsfristen. Er gilt für dich, wenn dein Verband ihn abgeschlossen hat, wenn du dich angeschlossen hast oder wenn er allgemeinverbindlich erklärt wurde. Im letzten Fall gilt er auch ohne Verbandsmitgliedschaft, und seine Regeln gehen deinem Arbeitsvertrag vor.

Stand: . Geprüft anhand der unten genannten Quellen.

Was ein GAV regelt

Ein GAV hat zwei Sorten von Bestimmungen. Die einen betreffen das einzelne Arbeitsverhältnis: Mindestlohn, Wochenarbeitszeit, Ferien, 13. Monatslohn, Zuschläge für Nacht- und Wochenendarbeit, Kündigungsfristen, Lohnfortzahlung, Spesen. Diese Bestimmungen gelten während der Dauer des Vertrags unmittelbar und können nicht wegbedungen werden, sofern der GAV selbst nichts anderes bestimmt (OR Art. 357 Abs. 1). Die anderen regeln das Verhältnis der Vertragsparteien untereinander: Kontrollen, Vollzugskostenbeiträge, Konventionalstrafen, paritätische Kommissionen (OR Art. 357b).

Welche Zahlen in deinem GAV stehen, steht nur in deinem GAV. Sie ändern regelmässig und lassen sich nicht aus einem Ratgeber abschreiben. Die Liste der allgemeinverbindlichen Verträge des Bundes führt das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO), die kantonalen Beschlüsse stehen bei den Kantonen.

Drei Wege, auf denen ein GAV für dich gilt

WegWannGrundlage
VerbandsmitgliedschaftDein Arbeitgeberverband hat den GAV abgeschlossenOR Art. 356 und 357
AnschlussDu unterstellst dich dem GAV freiwillig, mit Zustimmung der VertragsparteienOR Art. 356b
AllgemeinverbindlicherklärungDie Behörde dehnt den Geltungsbereich auf alle Unternehmen der Branche ausAVEG Art. 1 und Art. 4
Der dritte Weg ist der, den Unternehmen übersehen: Eine Allgemeinverbindlicherklärung (AVE) wirkt auch gegenüber Arbeitgebern und Arbeitnehmenden, die am Vertrag nicht beteiligt sind.

Am 1. Juli 2026 waren laut SECO 84 allgemeinverbindliche GAV in Kraft: 46 auf Bundesebene, die rund 1.12 Millionen Arbeitnehmende betreffen, und 38 auf Kantonsebene mit rund 72'000 Arbeitnehmenden. Die drei grössten sind Personalverleih, Gastgewerbe und Bauhauptgewerbe mit zusammen rund 747'000 Arbeitnehmenden. Für Bau, Maler und Gipser, Elektro, Gebäudetechnik, Schreiner, Reinigung, Gerüstbau, Plattenleger, Gebäudehülle und Gastgewerbe besteht je ein allgemeinverbindlicher GAV des Bundes.

Was Vorrang hat

  • Zwingendes Gesetzesrecht geht dem GAV vor, doch der GAV darf zugunsten der Arbeitnehmenden weiter gehen (OR Art. 358). Der GAV kann also mehr Ferien geben als OR Art. 329a, nie weniger.
  • Der GAV geht dem Einzelarbeitsvertrag vor. Abreden, die gegen unabdingbare Bestimmungen verstossen, sind nichtig und werden durch den GAV ersetzt; Abreden zugunsten der Mitarbeitenden bleiben gültig (OR Art. 357 Abs. 2).
  • Der allgemeinverbindliche GAV geht einem nicht allgemeinverbindlichen vor, ausser dieser weicht zugunsten der Arbeitnehmenden ab (AVEG Art. 4 Abs. 2).
  • Ein Lohn unter dem GAV-Mindestlohn ist nicht gültig, auch wenn beide Seiten unterschrieben haben. Die Differenz bleibt geschuldet, und sie wird bei einer Kontrolle nachgefordert.

Was ein GAV im Alltag bedeutet

Neben den Löhnen bringt ein GAV Pflichten, die Geld und Zeit kosten. Viele GAV kennen einen Vollzugskostenbeitrag, der monatlich vom Lohn abgezogen und der paritätischen Kommission überwiesen wird, dazu Beiträge an Weiterbildungs- oder Vorruhestandsfonds. Manche GAV verlangen eine Arbeitszeitkontrolle, die über das Arbeitsgesetz hinausgeht: Der GAV der Reinigungsbranche in der Deutschschweiz etwa schreibt je Tag und Person den Einsatzort, Beginn und Ende, die anzurechnende Reisezeit und die Pausen vor und verlangt, dass der Stand des Arbeitszeitkontos monatlich mitgeteilt wird (Art. 6.3). Und die paritätische Kommission darf kontrollieren: Sie verlangt Lohnabrechnungen, Arbeitsverträge und Stundenerfassung, und sie kann bei Verstössen Kontrollkosten und Konventionalstrafen auferlegen.

Achtung: Prüfe die Gültigkeit vor jeder Lohnrunde und vor jeder grösseren Offerte. Allgemeinverbindlicherklärungen sind befristet und werden verlängert, Mindestlöhne ändern auf den 1. Januar. Massgebend ist der Bundesratsbeschluss oder der kantonale Beschluss, nicht eine Zusammenfassung im Netz.

Drei Fehler, die teuer werden

  • «Ich bin in keinem Verband, also gilt kein GAV.» Falsch, sobald eine Allgemeinverbindlicherklärung vorliegt. Sie gilt für die Branche, nicht für die Mitglieder.
  • Den Geltungsbereich nach dem Firmennamen beurteilen. Massgebend ist die Tätigkeit, und oft auch die Zahl der Beschäftigten oder der Kanton. Ein Betrieb kann für einen Betriebsteil unterstellt sein und für einen anderen nicht.
  • Mit dem Mindestlohn kalkulieren. Zum Mindestlohn kommen Ferien- und Feiertagsentschädigung, 13. Monatslohn, Zuschläge und Vollzugskostenbeitrag. Wer das im Stundenansatz vergisst, offeriert unter den eigenen Kosten.

So macht es KIDESK

Manche Gesamtarbeitsverträge verlangen eine Arbeitszeitkontrolle je Tag und Person, mit Beginn, Ende, Pausen und Reisezeit. So erfasst KIDESK die Stunden: am Auftrag, mit Datum, von, bis, Pause und der Reisezeit in einem eigenen Feld. Das Büro gibt die Stunden frei, danach sind sie gesperrt, und der Stundenbericht zeigt sie je Person und Zeitraum. Ob dein GAV zusätzliche Angaben verlangt, ob ein Lohn den GAV-Mindestlohn erreicht und ob der Vollzugskostenbeitrag stimmt, kann KIDESK nicht beurteilen: Lohnbuchhaltung und Lohnabrechnung macht es nicht.

Stunden erfassen und freigeben Aufträge und Zeiterfassung

Häufige Fragen

Wie finde ich heraus, ob für meinen Betrieb ein GAV gilt?

Beim SECO steht die Liste der allgemeinverbindlich erklärten Gesamtarbeitsverträge des Bundes, dazu die kantonal organisierten. Suche nach deiner Tätigkeit, nicht nach deinem Firmennamen, und lies den Geltungsbereich im Vertragstext: Er nennt Kantone, Tätigkeiten und oft eine Mindestzahl an Beschäftigten. Im Zweifel fragst du die paritätische Kommission der Branche.

Was ist der Unterschied zwischen GAV und Normalarbeitsvertrag?

Ein GAV wird zwischen Verbänden ausgehandelt. Ein Normalarbeitsvertrag (NAV) wird von einer Behörde erlassen und stellt Bestimmungen für einzelne Arten von Arbeitsverhältnissen auf (OR Art. 359). Vom NAV darf abgewichen werden, soweit die Parteien etwas anderes verabreden; der NAV selbst kann dafür die Schriftform verlangen (OR Art. 360). Anders beim befristeten NAV mit Mindestlöhnen nach OR Art. 360a: Davon darf nicht zuungunsten der Arbeitnehmenden abgewichen werden (OR Art. 360d Abs. 2).

Gilt der GAV auch für Temporärangestellte?

Für Verleihbetriebe gilt der allgemeinverbindliche GAV Personalverleih. Besteht in der Einsatzbranche ein eigener allgemeinverbindlicher GAV, gelten dessen Lohn- und Arbeitszeitbestimmungen auch für die temporär eingesetzten Personen. Wer Leute ausleiht, prüft darum beide Verträge, nicht nur einen.

Darf ich mit einzelnen Mitarbeitenden etwas Besseres vereinbaren?

Ja. Abweichungen zugunsten der Arbeitnehmenden sind zulässig und bleiben gültig (OR Art. 357 Abs. 2). Mehr Lohn, mehr Ferien oder eine längere Kündigungsfrist darfst du jederzeit geben. Nur nach unten ist die Tür zu, und zwar auch dann, wenn beide Seiten einverstanden sind.

Quellen

Dieser Text ist eine allgemeine Information für Schweizer Unternehmen und ersetzt keine Rechts- oder Steuerberatung im Einzelfall. Wenn dir ein Fehler auffällt, schreib uns, wir korrigieren ihn.

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